Vero und das Hochdeutsch

Als Tochter einer Deutschen und eines Österreichers habe ich Unterschiedliches mitbekommen: Das Wienerische ist mir von väterlicher Seite sehr vertraut, aber wir haben zuhause eher Hochdeutsch gesprochen. Welche Art Hochdeutsch das war und wie sich mein Reden mit der Zeit verändert hat, dem versuche ich hier auf den Grund zu gehen.


In meiner Kindheit war ich mir dank regelmäßiger Reisen an den Rhein schon immer einiger Abweichungen im Vokabular bewusst: In Deutschland sagt man Aubergine zur Melanzani. Zum Supermarkt laufen bedeutet kein hektisches Rennen. Topfen heißt bei den Großeltern Quark und der Kübel Eimer. Obwohl ich all diese Wörter in Wien ausließ, wurde mir im Freundeskreis oft liebevoll unter die Nase gerieben, ich sei „eh a Piefke“ oder zumindest „Halbpiefke“. Offenbar konnte man den bundesdeutschen Einschlag bei mir immer hören. Die Muttersprache prägt eben.


Als Teenager hatte ich eine Phase, in der ich nach meinen Maßstäben sehr wienerisch gesprochen habe. Da hieß es dann zum Beispiel nicht mehr „bin gegangen“, sondern „bin ‘gangen“. Aber ganz natürlich kam mir der Dialekt nicht über die Lippen („Kas“ statt „Käse“ hab ich nie geschafft), also ließ ich es bald wieder sein.


In Wien a ewige Piefke …


Die Dialektologie hat mich jedenfalls immer besonders fasziniert, und so habe ich meine Magisterarbeit für Germanistik im Fach Sprachwissenschaften über das Wienerische geschrieben – genauer gesagt über den Nutzen von Online-Wörterbüchern zum Wienerischen. Natürlich habe ich keinen Hehl daraus gemacht, dass ich zwar räumlich ganz im Wienerischen verortet war, mangels qualifizierten Eigengebrauchs aber doch tendenziell die Außenperspektive einnehmen musste.



Mitte zwanzig zog ich nach Hamburg. Ich war stolz auf mein vermeintlich sauberes Hochdeutsch. Tatsächlich wurde ich nur selten gefragt, ob ich „aus dem Süden“ käme. Genaueres konnte kaum jemand ausmachen. Aber mit dem Wortschatz war es so eine Sache. Gerade in den ersten Monaten stellte ich fest, dass doch noch diverse Austriazismen unkontrolliert aus mir hervorsprudelten: Spital, Erlagschein, Strafmandat oder Stanley-Messer … Mit Kulinarik und Alltäglichem ist es eben nicht getan. Immer mehr Themengebiete erschloss ich mir, und ich lernte, auf Nuancen zu achten. Bei Neueinzug muss man nicht ausmalen, sondern streichen. Man nennt eine Person nur beim Namen, ohne Artikel. Kleiderhaken sind -bügel (was mich an den Skilift erinnerte). Die Wagenpapiere heißen Fahrzeugschein, ein Erlagschein wiederum heißt Überweisungsbeleg.


Nach zehn Jahren Übung werde ich nur noch ganz selten entlarvt. Im Gegenteil: Nach Konzert-Smalltalk mit einer mir ansonsten unbekannten Dame kam das Thema Weihnachten auf, und ich erwähnte, dass ich die Feiertage in Wien bei meiner Familie verbringen würde. Nachdem meine Gesprächspartnerin sich vergewissert hatte, dass fast meine ganze Verwandtschaft in Wien wohnt, fragte sie bestürzt: „Aber warum sind die denn alle dahin gezogen?“ (Sie hielt mich wohl für einen fürchterlichen Menschen.)


In Hamburg kann ich die bessere Wienerin sein.


Die Bitte, mal etwas auf Wienerisch zu sagen, bringt mich immer etwas in Verlegenheit. Auf Befehl ist das schwierig, und das Erste, was mir spontan einfällt, sind Flüche … „Schleich di, depperter Piefke“ kommt naturgemäß nicht so gut an. „I krieg a Eitrige mit an Buggl und an Sechzehnerblech“ oder „Oida, host a Tschick?" finde ich zu weit hergeholt. Mit Floskeln wie "Grüß' Sie, küss' die Hand, Frau Oberstudienrat, g'schamster Diener, wie hamma's?" bin ich auf nicht zufrieden … Mir fehlt ein absolut typischer, aussagekräftiger und vor allem unverfänglicher Beispielsatz. Ideen nehme ich gerne!


Wenn ich in Wien bin und mich wieder ein wenig anpasse, verschwindet während der Fahrt mit dem Nachtzug „Hans Albers" nach Hamburg mein Akzent fast ganz. Wenn ich will, bin ich hier im Norden Ösi inkognito. Es reicht aber auch a bisserl was Weanerisches, um die Leute zu amüsieren. Und der Vokabelspaß bleibt. Ab und zu kann ich mit Schmankerln wie Prolotoaster (für Solarium) oder Transdanubien und (neu!) Cisdanubien auftrumpfen. Und einige Wörter habe ich für den Alltag einfach behalten: „Geldbörse", „ur“, „deppert" oder „Sackerl“ sind für mich im Mündlichen fast unersetzlich. Insofern werde ich hier in Hamburg als wienerischer wahrgenommen als jemals in meinem Leben – und das finde ich richtig schön.

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