Selbst- und Fremdwahrnehmung und ein simples Experiment

Aktualisiert: Apr 29

Während meiner Vorbereitung auf die Freiberuflichkeit habe ich mich viel mit dem beschäftigt, was ich kann und gerne mache und was ich überhaupt ausstrahle. Wie ich erfahren habe, gibt es dafür mit dem „Johari-Fenster“ eine praktische Schablone für ein Experiment.


Ich war schon seit einiger Zeit dabei, unterschiedlichste Menschen aus meinem privaten und beruflichen Umfeld zu befragen und mir Notizen zu machen. Darüber, was sie an mir schätzen und kritisieren, wie sie mich wahrnehmen und was sie mir zutrauen. Ich interviewte sie einfach frei heraus und vergleichsweise unsystematisch. Da begegnete mir mitten in einem dieser Gespräche der Begriff „Johari-Fenster“. Nicht nur das: Mir wurden sogar Lerninhalte dazu zur Verfügung gestellt – richtig gut! Ich hatte sofort Lust, meine Erkenntnisse damit zusammenzuführen und ein Experiment zu wagen.


Das Johari-Fenster hat sich als sehr nützliches Instrument zur Analyse der Selbst- und Fremdwahrnehmung erwiesen, weshalb ich es heute vorstelle. Eine grafische Darstellung von mir mit Beispiel-Eigenschaften ist unten zu sehen. Das, was ich schon vorher durch meine Interviews zu definieren versucht habe, befindet sich hier im türkisfarbenen Bereich – dazu gleich mehr.


Erst ein paar allgemeine Worte zu diesem seriösen Persönlichkeitstest: Die Methodik der Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham (die etwas merkwürdige Bezeichnung setzt sich zusammen aus deren Vornamen) ermöglicht diverse Erkenntnisse, ist dabei aber gar nicht komplex: Im Grunde muss man sich nur ein altes Holzfenster vorstellen, dessen vier Glasscheiben vier Segmente für Persönlichkeitsmerkmale unterschiedlicher Definition darstellen. So können Eigenschaften eines Individuums auf verschiedenen Ebenen erfasst werden.


Um das Experiment zu starten, bedient man sich einer festgelegten Liste an Eigenschaften, siehe Wikipedia. Man weist nun sich selbst fünf bis sechs möglichst treffende Eigenschaften zu (in meinem Beispiel beschränke ich mich auf drei). Danach tun die Gesprächspartner dasselbe für einen. Im nächsten Schritt werden diese Wörter den verschiedenen Fenstersegmenten zugeordnet.


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Der in meiner Beispielgrafik rote Bereich links oben beschreibt jetzt die öffentliche Person. Wenig überraschend wird er mit jenen Eigenschaften gefüllt, die sowohl von einem selbst als auch dem Umfeld bewusst wahrgenommen werden. Hier kann geprüft werden, ob die Attribute ein rundes Bild ergeben und welche Akzente man in der Außenwirkung setzen möchte.


Die blaue Fensterscheibe links unten enthält geheime Verhaltensweisen und Eigenschaften – alles das, was man bewusst verbirgt und lieber im Herzen verschlossen hält. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein: Etwas passt uns nicht in den Kram, erscheint nicht erstrebenswert oder steht für eine Unsicherheit, die man lieber für sich behält. Der Erkenntnisgewinn hierbei liegt in der Überlegung, ob das je nach Kontext tatsächlich zu verbergende Dinge sind oder nicht.


Die grau eingefärbte Glasscheibe bleibt im Experiment vorerst leer und eröffnet eine Leerstelle, wie ein großes Fragezeichen. Wenn man so will, kann man sie als beschlagen betrachten. Sie steht für jene Attribute, die einem selbst und anderen unbekannt sind, aber dennoch irgendwie zu einem gehören. Eventuell wurden sie abgelegt oder haben keinen Nährboden; auch unentdeckte Potenziale können hier versteckt sein. Vielleicht kommen sie früher oder später zum Vorschein. (Ich habe, um mein Beispiel zu vervollständigen, hier auch Eigenschaften eingetragen.)


Nun zurück zu dem Bereich, der mich am Johari-Fenster am meisten interessiert: die türkisfarbene Fensterscheibe rechts oben. Hier wird aufgezeichnet, was andere Menschen in einem sehen, was einem selbst aber noch nicht bewusst war. Wir senden, ohne es zu merken, Signale oder zeigen Verhaltensweisen, die von außen deutlich wahrgenommen werden. Es kann passieren, dass wir meinen, ein Adjektiv befände sich im blauen Bereich, gut verborgen … In Wirklichkeit wird es uns vom aufmerksamen Umfeld aber eindeutig zugeordnet. Das ist der blinde Fleck unserer Ausstrahlung. Darüber Bescheid zu wissen, ist wichtig, um seine Außenwirkung realistisch einzuschätzen, diese aktiv zu gestalten und für sich zu nutzen.

Weiss Texte Johari-Fenster Persönlichkeit Entwicklung

In meiner Beispielgrafik, die sich grob an dem orientiert, was ich für mich notiert habe, sieht man, dass mir gespiegelt wurde, ich sei geduldig. Das hatte ich nicht angenommen. Oft will ich innerlich schon weitergehen, und wenn eine Sache für mich klar ist, halte ich mich nicht gerne (unnötig?) lange damit auf. Deshalb hätte ich mich eher als ungeduldig bezeichnet, oder zumindest sage ich immer, dass Geduld nicht meine größte Stärke ist. Ich versuche aber, daran zu arbeiten. Umso erfreuter war ich, dass mir von außen Geduld zugeschrieben wird. Eine neue Erkenntnis!


Was man von sich preisgibt (oder meint preiszugeben), ist besonders im beruflichen Bereich meist relativ begrenzt. Oft macht man sich Illusionen darüber, was genau man von seiner Persönlichkeit nach außen lässt. Es ist erhellend, dann das gesamte Fremdbild (die beiden oberen Glasscheiben) mit dem Selbstbild (in den beiden linken Fenstersegmenten) abzugleichen. Man erfährt, was andere einem ganz selbstverständlich zutrauen, wird bei anderen Dingen auf den Boden der Tatsachen geholt und geht mit ein paar weiteren gläsernen Mosaikteilchen zur eigenen Persönlichkeit aus dem Experiment heraus.


Für mich hat sich das Johari-Fenster als eine Bereicherung erwiesen und als das richtige Tool, um meiner Drauflos-Befragung den richtigen (Fenster-)Rahmen zu geben. Hier ist eine Version meiner Grafik zum Herunterladen und Ausfüllen – viel Spaß!


Johari-Fenster zum Ausfüllen, blanko Raster. Weisstexte.

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