Die Schönheit von Briefen

Ein Kuvert mit Adresse, Absender und Briefmarke, das per Post ankommt. Darin ein Blatt Papier, darauf eine Handschrift, die eine höchst persönliche Nachricht überbringt. Briefe – so richtige also – sind ein wunderbares, fast schon vergessenes Format.


Wer einen echten Brief bekommt, der stellt zuerst erfreut fest, dass es sich um keine Rechnung handelt (heute sind private Schreiben leider in der Unterzahl), prüft dann Handschrift, Absender und Gewicht, um eine erste Einschätzung treffen zu können. Manchmal werden Geldscheine, Fotos oder gepresste Blätter mitgeschickt … Aber das eigentliche Brieferlebnis kommt, wenn man den Briefbogen entfaltet und zu lesen beginnt.


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Briefe. (Foto © privat)

Ich habe im Lauf meines Lebens selten belanglose Briefe bekommen und viel öfter solche, die mich emotional erschüttert haben. Worte können so unterschiedlich berühren. Da gab es wohlgemeinte Ratschläge, die nie den richtigen Ton getroffen haben, andere mit Bekenntnissen, die einschüchternd waren oder mich in den siebten Himmel katapultiert haben. Mit Briefbögen in der Hand habe ich von Wut über Trauer und Sehnsucht bis Liebe schon alles empfunden. Vor etwa einem halben Jahr hat mich wieder ein Brief erreicht, der mir sehr viel bedeutet und den ich viele Male gelesen habe. Das Antworten habe ich genüsslich vor mir hergeschoben, die Worte wirken lassen und mir einige Gedanken dazu gemacht.


Einen Brief zu schreiben, gleicht einem Ritual.


Ein Brief schreibt sich nicht so schnell wie eine Mail. Man überlegt sich vorher den Inhalt, formuliert im Kopf aus, schreibt vielleicht den ganzen Brief einmal vor. Und dann die äußeren Umstände: Man möchte gut sitzen, eine passende Unterlage haben, sauberes Briefpapier und einen idealerweise passenden Umschlag. Wenn es ans Schreiben geht, dauert es, bis die Füllfeder oder der Kugelschreiber sich den Weg übers Blatt bahnt. Und da die Routine im Schreiben mit der Hand fehlt, ermüdet diese schnell. Man muss sich Mühe geben, um keine Buchstabenschleife auszulassen und die Wörter gut lesbar zu zeichnen.


Und auch danach reicht ein Klick nicht zum Versenden. Man muss die Adresse heraussuchen, eine Briefmarke auftreiben (die nicht von vor der letzten Preiserhöhung stammt) und geht dann zum Briefkasten. Oder stellt sich bei der Post in die Warteschlange. Ob das Schreiben Tage später ankommt, muss der Empfänger bestätigen – ganz selbstverständlich ist das nämlich nicht.


In all diesen Kleinigkeiten, die bedacht werden wollen, liegt die Kompliziertheit aber auch die Schönheit des Briefeschreibens.


Briefeschreiben mit Lewis Carroll


Eines meiner liebsten Bücher ist eine Briefesammlung von Lewis Carroll. Er schickte befreundeten Kindern Briefe, die voll köstlichem Unsinn sind und in denen es nicht selten ums Briefeschreiben an sich geht. So wie hier:

[…] denk aber bloß nicht, ich hätte nicht geschrieben, Hunderte von Malen: nein, die Schwierigkeit lag darin, die Briefe richtig einzuwerfen. Erst warf ich sie mit so viel Schwung ein, daß sie weit übers Ziel hinausschossen – ein paar hat man am hintersten Ende von Rußland aufgelesen –: und aufgelesen. Letzte Woche hätte ich’s beinah getroffen, d. h. ich schaffte tatsächlich >Earl’s Terrace, Kensington<, aber leider bin ich über die Hausnummer hinausgeschossen: statt 12 machte ich nämlich 12 000. Wenn Du also bei No. 12 000 nach Deinem Brief fragst, wird man ihn Dir bestimmt geben. Danach wurde ich krank und war so schwach, daß ich mit den Briefen überhaupt nicht mehr weit kam: einer kam nicht weiter als bis in die Zimmerecke. […]

(zitiert mit allen Rechtschreibvarianten nach der sehr gelungenen Übersetzung von Klaus Reichert in „Lewis Carroll. Briefe an kleine Mädchen“, insel taschenbuch 1976, S 18)


Man kann sich bildlich vorstellen, wie Mary MacDonald, an die dieser Brief ging, ihn kichernd liest. Der kindgerechte Humor des Schriftstellers ist einfach unnachahmlich. Er hat außerdem ein Briefmarkenetui mit Bildern von Alice herausgebracht, der eine witzige dreiteilige Anleitung zum Briefeschrieben beilag. Er empfiehlt, mit Bedacht zu adressieren und frankieren und malt ein abschreckendes Szenario für den Fall, dass man das nicht tut:

Und dann kommt [...] die Adresse, nichts als eine Hieroglyphe, die schaurige Entdeckung, dass Sie vergessen haben, Ihr Briefmarkenetui nachzufüllen, die verzweifelte Bitte an jede Person im Haus, Ihnen eine Marke zu leihen, der rasende Lauf zum Postamt, wo Sie schwitzend und keuchend ankommen, gerade als der Schalter geschlossen ist, und am Ende, eine Woche später, die Rücksendung des Briefes aus der Briefermittlungsstelle mit dem Vermerk "Anschrift unleserlich"!

(zitiert nach Simon Garfield "Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte", Theiss/WBG 2015, S 314)


Einen sehr nützlichen Ratschlag Carrolls, der fast schon an Aktualität gewonnen hat (man denke an E-Mail-Anhänge!), will ich noch zitieren:

Wenn Sie schreiben, dass Sie einen Scheck oder den Brief eines anderen beilegen, legen Sie einen Augenblick lang den Stift weg – gehen Sie das erwähnte Dokument holen – und stecken Sie es in den Umschlag.

(zitiert nach Simon Garfield "Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte", Theiss/WBG 2015, S 316)


Das Verfassen und Verschicken von Briefen ist also keine Kleinigkeit. So schwierig allerdings wie Lewis Carroll es beschreibt, ist es nun auch wieder nicht. Und besondere Gelegenheiten sind die Mühe wert. Nach sehr kurzem Abwägen, ob es sich "noch lohnt", habe ich also beschlossen, mir neues Briefpapier zu kaufen. Hoffentlich finde ich irgendwo welches.

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